Der Gewaltausbruch im Sommer 2009 war der vorläufige Höhepunkt einer Reihe von gewaltsamen Konflikten, die Nigeria seit Jahren erschüttert: Konflikte, die vorgeblich religiös motiviert sind und doch ihre Ursache in der sozialen, politischen und wirtschaftlichen Lage des Landes haben. Die katholische Kirche genießt in weiten Teilen der Bevölkerung großes Ansehen und versucht, dieses für Dialog und Aussöhnung unter den Religionsgemeinschaften zu nutzen.
Inhalt
Leben auf dem Pulverfass
Woher rühren die gewaltsamen Konflikte in Nigeria wirklich?
Norbert Kößmeier (geb.1962) ist nach dem Studium der Theologie mit Schwerpunktstudium Missionswissenschaft in St.Augustin und São Paulo/Brasilien seit 1993 Diözesanreferent von missio Aachen im Erzbistum Freiburg. Seit 1999 ist er zusätzlich Chefredakteur der Fachzeitschrift „Forum Weltkirche“.
Als am 27. Juli mehrere hundert bewaffnete Mitglieder der radikal-islamistischen Gruppierung Boko Haram eine Polizeistation in der vier Millionen Einwohner zählenden Hauptstadt Bauchi des gleichnamigen Bundesstaates im Norden Nigerias angriffen und eine Moschee besetzten, sah es zunächst so aus, als ob es sich um einen lokal begrenzten Konflikt handele. Mehrmals hatte diese Gruppierung den Versuch unternommen, in öffentlichen Demonstrationen ihre radikal-islamistischen Lehren verbreiten zu dürfen. Jedoch erließ die Regierung jedes Mal ein Demonstrationsverbot. Als schließlich einzelne Mitglieder verhaftet worden waren, griff die Gruppierung zu den Waffen.
Innerhalb kürzester Zeit weitete sich dieser Konflikt, der im Bundesstaat Bauchi begonnen hatte, über die Bundesstaaten Yobe, Kano und Borno aus. An verschiedenen Orten griff Boko Haram Polizeistationen und öffentliche Einrichtungen an. In Maiduguri, der Hauptstadt des Bundesstaates Borno, wo sich auch das Hauptquartier dieser Gruppierung befand, richtete sich die Gewalt gegen das Hauptquartier der Polizei – zeitgleich mit dem Angriff auf die Polizeistation in Potiskum im Bundesstaat Yobe. Polizeieinheiten und Elitesoldaten stürmten schließlich das Hauptquartier von Boko Haram in Maiduguri. Der Anführer Ustaz Mohammad Yusuf wurde festgenommen und – so die Version der Polizei – bei einem Fluchtversuch im Polizeigewahrsam erschossen. Die offizielle Bilanz der Gewaltwelle: über 700 Tote, mehrere Tausend Flüchtlinge, zahlreiche zerstörte Häuser, Moscheen, christliche Kirchen und auch öffentliche Einrichtungen.
Die Taliban Nigerias
Dieser jüngste Gewaltausbruch im Namen von Religion im bevölkerungsreichsten Land Afrikas ist der vorläufige Höhepunkt einer ganzen Reihe von gewaltsamen Konflikten, die das Land seit Jahren erschüttern. Erst im November vergangenen Jahres ist es in Jos, der Hauptstadt des Bundesstaates Plateau, infolge der Kommunalwahlen zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Christen und Muslimen gekommen, in deren Verlauf 700 Menschen getötet und zahlreiche Kirchen, Häuser und Geschäfte zerstört wurden. Ausgelöst durch die so genannten Mohammed-Karikaturen in einer dänischen Tageszeitung kam es im Februar 2006 in Maiduguri zu gewaltsamen Übergriffen auf Christen, in deren Verlauf über hundert Menschen getötet und zahlreiche Kirchen zerstört wurden.
Auch damals war Boko Haram bereits beteiligt und zündete unter anderem das Haus des katholischen Bischofs Matthew Man-oso Ndagoso an. Als Rache für diese Gewalt griffen nur wenige Tage später im Süden und Osten des Landes bewaffnete Christen Muslime an. 2002 gab es infolge von Demonstrationen gegen die geplanten „Miss-World-Wahlen“, die in Nigeria stattfinden sollten, eine unbeschreibliche Gewaltwelle in Kaduna, in deren Verlauf Hunderte von Menschen ihr Leben verloren. Im Jahr zuvor war es in Jos zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Christen und Muslimen gekommen, die über 1.000 Menschenleben forderten. Die Liste der Gewaltkonflikte, häufig im Namen von Religion begangen, ist lang in Nigeria. Schätzungen zufolge sind seit dem Ende der Militärdiktatur im Jahr 1999 über 12.000 Menschen im Norden Nigerias bei Konflikten zwischen den Religionsgemeinschaften umgebracht worden.
Und doch hat der jüngste Konflikt im Norden des Landes viele Beobachter, aber auch Religionsführer und staatliche Autoritäten aufgeschreckt. Denn er unterscheidet sich von anderen. Angriffsziel der radikal-islamistischen Gruppierung Boko Haram waren nicht Andersgläubige oder ethnische Minderheiten, sondern zunächst einmal ging es um eine Auseinandersetzung innerhalb der muslimischen Gemeinschaft, die schließlich dazu führte, dass der Staat selbst angegriffen wurde.
Boko Haram (der Name, der aus der Sprache der Haussa und aus dem Arabischen stammt, wird übersetzt mit „Westliche Erziehung ist verboten“), eine Gruppierung, die auch unter dem Namen „Al Sunna Wal Jamma“ („Jünger der Lehren des Propheten Mohammeds“) bekannt ist, sieht sich als Verfechter des wahren Islam.Obwohl seit 1999 die zwölf nördlichen Bundesstaaten Nigerias das Scharia-Strafrecht eingeführt haben, geht Boko Haram die Islamisierung des Landes nicht weit genug. Man will einen islamischen Gottesstaat. So beklagt Boko Haram zum einen, dass das Strafrecht nicht auf alle Bewohner der Bundesstaaten Anwendung findet, sondern nur auf Muslime; zum anderen, dass das staatliche System so sehr korrumpiert sei, dass Politiker und Reiche der Strafverfolgung durch die Scharia-Gerichtsbarkeit entgehen, ja dass selbst das Scharia-Strafrecht die weitverbreitete Korruption nicht unterbinden kann.
Zugleich fordert diese Gruppierung – die auch als Taliban Nigerias bezeichnet wird, weil sie bei einem Angriff auf ein öffentliches Gebäude vor einigen Jahren kurzfristig die Fahne der afghanischen Taliban hisste – die Ausdehnung des Scharia-Strafrechts auf ganz Nigeria. Koranschulen sollen der einzig legitime Ort für Schulausbildung sein und ein verwestlichter Lebensstil geächtet werden. Die englische Sprache will man aus der Schulausbildung verbannen, Arabisch solle verpflichtend sein. Der Islam in Nigeria müsse zugleich von indigenen Praktiken und Vorstellungen gereinigt werden, so dass der wahre Islam erblühen könne. Gegründet wurde die Bewegung im Jahr 2002 in dem Dorf Kanamma, im Bundesstaat Yobe.
Vorgeblicher Kampf gegen Gottlosigkeit und Satanismus
Dieser gewaltsame Aufruhr einer Gruppierung, die sich als Verfechter des wahren Islam betrachtet und nicht davor zurückschreckt, den Staat zu bekämpfen, ruft schreckliche Erinnerungen wach an einen ähnlichen Vorfall im Norden Nigerias, der bereits fast 30 Jahre zurückliegt und mehrere Tausend Tote in Kano,Maiduguri und Kaduna forderte: der so genannte Maitatsine-Aufstand. Die Maitatsine-Bewegung verstand sich als eine muslimische Erneuerungsbewegung, die von dem aus Kamerun stammenden Prediger Muhammadu Marwa gegründet worden war. Bereits unter der britischen Kolonialherrschaft fiel er durch Hetzpredigten auf und wurde schließlich zurück in seine Heimat deportiert.
Etwa um 1970 kam er zurück nach Kano und sammelte eine große militante Anhängerschaft um sich. Übergriffe auf muslimische Religionsführer begründeten die Mitglieder der Bewegung mit dem Hinweis, dass diese Religionsführer den Islam verraten würden. Als schließlich 1980 militante Anhänger der Bewegung gewaltsam gegen muslimische Führer aus Kano vorgingen und auch eine Polizeistation angriffen, schritt das Militär ein. Etwa 5.000 Menschen verloren dabei ihr Leben. Auch der Gründer der Bewegung starb. Jedoch endeten damit die Ausschreitungen nicht. Anhänger der Bewegung, die fliehen konnten, begannen in den folgenden Jahren neue Aufstände in Kaduna und Maiduguri. Weitere 3.000 Menschen wurden umgebracht. 1984 kam es in Yola zu neuen Auseinandersetzungen mit über 1.000 Toten und 60.000 Menschen, die obdachlos wurden. 1985 wurden schließlich in Gombe die letzten Aufstände der Maitatsine-Bewegung niedergeschlagen.
Weitere islamistische Bewegungen mit zum Teil sehr militanter Anhängerschaft sind im Norden Nigerias verbreitet. Zu nennen ist in diesem Zusammenhang beispielsweise die Bewegung Darul Islam, aber auch die Muslim-Bruderschaft (von der Bevölkerung als „die Schiiten“ bezeichnet), die unter der Führung des im Iran ausgebildeten Sheik Ibrahim El Zakzaky steht und in der Vergangenheit immer wieder durch grausame Gewalt aufgefallen war, beispielsweise durch Köpfen des Christen Gideon Akaluka 1994 in Kano, der der Blasphemie beschuldigt wurde.
Diese Muslim-Bruderschaft lehnt demokratische Wahlen als dämonisch ab und optiert für eine islamische Revolution, um auf diese Weise die „Gottlosigkeit“ und den „Satanismus“ in Nigeria zu überwinden. Traditionelle Institutionen des Islam in Nigeria, wie die Emirate, werden von der Muslim-Bruderschaft als korrumpiert abgelehnt:Man bezeichnet sie schlichtweg als Kollaborateure der Regierenden. Polizeikräfte werden ebenso verachtet, da sie zum einen korrupt, zum anderen mit Ungläubigen durchsetzt seien.
Momentan befindet sich Sheikh Ibrahim Zakzaky in der Defensive. Andere fundamentalistische Bewegungen, die sich selbst ebenfalls als muslimische Erneuerungsbewegungen verstehen, im Gegensatz zu der Muslim-Bruderschaft aber andere Vorstellungen von einem islamischen Staat haben und im Gegensatz zur Bewegung von Zakzaky Sunniten sind, werfen diesem vor, dass er an der Gründung von Boko Haram beteiligt gewesen sei. Vor allem die Izala-Bewegung („Jama’at Izalatil Bidiawa Iqamatus Sunnah“), eine sunnitische Bewegung gegen „negative Innovationen und für die Orthodoxie“, macht „die Schiiten“ für die Gewalt in Maiduguri mit verantwortlich.
Der alte Streit um die Scharia im Norden Nigerias
Die Ablehnung anderer Herrschaftsformen bis hin zur Anwendung von Gewalt, um diese zu überwinden, hat in der muslimischen Gemeinschaft Nigerias historische Vorbilder. Das bedeutendste Vorbild ist der Jihad von Usman dan Fodio, einem islamischen Gelehrten, der von 1754 bis 1817 lebte. Er wollte den Islam, der bereits im 11. Jahrhundert nach Nord-Nigeria kam, von volkstümlichen Vorstellungen reinigen und sah im Jihad die Notwendigkeit, die Herrschaftsdynastien vom Volk der Haussa zu überwinden, da sie nicht den Prinzipien des Islam folgten. Nach und nach eroberte er die vom Volk der Haussa regierten Königreiche im Norden des Landes und errichtete das Kalifat von Sokoto, das bis ins heutige Kamerun hineinreichte. Emirate wurden innerhalb des Kalifats errichtet. Die Emire waren die Vertreter des Kalifen in den verschiedenen Provinzen. Der Sultan selbst galt als politischer und religiöser Herrscher.
Die britische Kolonialherrschaft gewährte diesem vorgefundenen Staatswesen im Norden relative Eigenständigkeit. Sie führte die so genannte „Indirect Rule“ ein: Mit Hilfe der besiegten Herrscher, den Emiren des Kalifats von Sokoto, wurde das Protektorat regiert. Die traditionellen Herrscher durften im Amt bleiben, wenn sie die britische Autorität anerkannten. Dies wiederum hatte Folgen für das Wirken der christlichen Missionare, das zunächst im Süden und Osten des Landes begann. Unter anderem wurden Schulen, Krankenhäuser und andere Einrichtungen gegründet und damit die Grundlagen für die Entwicklung des Ostens und Südens gelegt.
Perspektiv- und Hoffnungslosigkeit der Jugend
Eine Missionstätigkeit im Norden wurde von den Emiren untersagt. Damit aber war die unterschiedliche Entwicklung im Land programmiert und der Norden geriet ins Abseits. Für die muslimische Elite war Lord Frederick Lugard der Satan persönlich. Als Vertreter einer christlichen Kolonialmacht eroberte er das islamische Reich von Sokoto. Für viele Muslime des Nordens war dies eine unerträgliche Vorstellung und Erniedrigung zugleich. Die britische Kolonialmacht bemühte sich vor diesem Hintergrund, so wenig wie möglich in die Herrschaftsstrukturen des Nordens einzugreifen, solange eigene Ziele erreicht werden konnten. Trotz allem aber wurde ein duales Rechtssystem eingeführt. In Zivilfragen galt auch weiterhin die Scharia. Jedoch war im Strafrecht lediglich die Prügelstrafe erlaubt. Der Streit um die Scharia sollte ein Streitpunkt im seit 1960 unabhängigen Nigeria bis zum heutigen Tag bleiben.
Die islamistischen Gruppierungen im Norden des Landes sind sich einig, dass ein islamischer Gottesstaat errichtet werden soll. Sie sind jedoch untereinander zerstritten, was die konkrete Gestalt dieses Gottesstaates und auch den Weg dorthin betrifft. Für die „Schiiten“ kann er nur durch eine islamische Revolution nach iranischem Vorbild erreicht werden. Etwa 50 Prozent der Bevölkerung Nigerias sind Muslime, 40 Prozent sind Christen, die unzähligen Konfessionen und Sekten angehören. Etwa 14 Prozent der Bevölkerung sind Katholiken. Zugleich ist Nigeria durch eine Vielzahl von Ethnien geprägt, was zusätzlichen Konfliktstoff birgt. Immer entbrennen Konflikte, weil größere Ethnien kleinere Volksstämme dominieren wollen oder aber auch diskriminieren; häufig sind auch Fragen der Landverteilung Ursache von Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen Ethnien.
Insbesondere im Norden des Landes verlaufen religiöse oft entlang ethnischer Grenzen. In einem Interview mit der Zeitschrift „Forum Weltkirche“ betont Erzbischof Man-oso Ndagoso aus Kaduna, dass die Trennung von Ethnie und Religion im nördlichen Teil des Landes praktisch nicht möglich ist. Haussa und Fulani, die dominierenden Ethnien im Norden, stehen gleichbedeutend für den Islam. Wenn jemand aus einer anderen Ethnie zum Islam konvertiert, wird ihm unterstellt, dass er nicht mehr seinem eigenen Volk angehört und somit die ethnische Identität gewechselt habe.
Viele Christen im Norden des Landes gehören ethnischen Minderheiten an oder sind als Händler oder Geschäftsleute aus dem Süden oder Osten in den Norden gekommen. Die wachsende Kluft zwischen dem armen Norden (überwiegend muslimisch) und dem besser gestellten Süden beziehungsweise Osten des Landes (überwiegend christlich) sorgt ständig für neue Spannungen.Während in den südlichen Landesteilen eine recht gut ausgebaute Infrastruktur gute Schulausbildung ermöglicht, leben schätzungsweise bis zu einer Million „Almajirai“, Koranschüler also, auf den Straßen der nördlichen Städte.
Unter der britischen Kolonialherrschaft wurde das System der Koranschulen aufrechterhalten, um das gesellschaftliche Gefüge des islamisch geprägten Nordens nicht zu zerstören. Während die Kinder der Aristokratie in Eliteschulen erzogen wurden, bestand für die Mehrheit der bäuerlichen Bevölkerung nur die Möglichkeit, ihre Kinder in die Koranschulen zu schicken. Diese Koranschulen gewährleisteten die Aufrechterhaltung der Sozialstruktur in der islamisch geprägten Gesellschaft. Die Oberschicht sah in diesem System die Gewähr ihres eigenen Machterhalts.
Spätestens mit der Unabhängigkeit des Landes wurde auch im Norden ein säkulares Bildungssystem eingeführt. Jedoch steht das staatliche Schulwesen im Norden in schlechtem Ruf. Insbesondere die ländliche Bevölkerung verfügt aufgrund der erdrückenden Armut nicht über die Möglichkeit, ihren Kindern eine Schulausbildung an Privatschulen zu finanzieren. In diesem Kontext hat das System der Koranschulen erneut an Bedeutung gewonnen. Diese Schulen unterstehen keiner staatlichen Aufsicht. Die Koranschüler kommen häufig von weit entfernten Gegenden in die Städte und werden von einem Lehrer unterrichtet, den sie auch finanzieren müssen, ohne dass sie selbst eine Unterkunft oder Nahrung haben. In der Folge leben sie als bettelnde Kinder auf der Straße. Und es sind diese Kinder und Jugendlichen, die immer wieder von radikalen Islamisten für eigene Zwecke instrumentalisiert werden und häufig bei Gewaltausbrüchen wie beispielsweise im Jahr 2006 in Maiduguri eine entscheidende Rolle spielen.
Die Ungleichheit zwischen dem Norden und Süden des Landes birgt enormen Sprengstoff. Häufig bedarf es nur eines unbedeutenden Auslösers, um die Situation eskalieren zu lassen. Die Perspektiv- und Hoffnungslosigkeit der Jugend im Norden, insbesondere auch der Hochschulabsolventen, die im Norden kaum eine Chance haben, einen entsprechenden Arbeitsplatz zu erhalten, verschärfen nur die Situation. Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, dass Mitglieder von Boko Haram als Ausdruck ihrer Ablehnung des herrschenden Systems ihre Hochschuldiplome in der Öffentlichkeit verbrannten.
Die herrschende Elite hat das Land an den Abgrund gebracht
Obwohl Nigeria immense Einnahmen aus der Erdölproduktion verbucht – etwa 80 Prozent der Gesamteinnahmen des Staates –, sind es ausschließlich die herrschenden Eliten, die sich diese einverleiben. Eine Besserung der Situation der Bevölkerung, insbesondere im Norden, aber auch im Niger-Delta ist nicht festzustellen. Im Gegenteil. Die Armut hat sich verschärft.
Als 1999 Olesegun Obasanjo zum ersten demokratisch gewählten Präsidenten des Landes nach jahrzehntelanger Militärdiktatur ernannt wurde, waren zunächst die Hoffnungen groß. Jedoch begann die Präsidentschaft mit massiven politischen Auseinandersetzungen zwischen den nördlichen Bundesstaaten und der Zentralregierung. Schon bald führten zwölf nördliche Bundesstaaten das Scharia-Strafrecht ein. Dies war unter anderem eine Machtdemonstration gegen die neue Regierung. Die Gouverneure sahen unter dem neuen Präsidenten, der ein „wiedergeborener Christ“ ist, ihren Einfluss schwinden, den sie unter den aus dem Norden stammenden muslimischen Militärdiktatoren besaßen. Zugleich hielt die Korruption, die das Land knechtete, an. Auch kassierte weiterhin die herrschende Elite die immensen Einnahmen aus dem Erdölgeschäft. Und schließlich erwies Obasanjo dem Land und auch der Demokratie einen Bärendienst, als er entscheidend an der massiven Wahlmanipulation zur Wahl seines Nachfolgers beteiligt war.
Nach Ansicht von George Ehusani, bis 2007 Generalsekretär der katholischen Bischofskonferenz, hat die herrschende Elite auf diese Weise das Land an den Rand des Abgrunds gebracht. Die Demokratie verlor in der Zivilgesellschaft an Glaubwürdigkeit und Akzeptanz. Die politische Elite spielt durch ihr rücksichtsloses Verhalten den Islamisten in die Hände. Zusätzlich fördert ein System der Straflosigkeit eine breite Ablehnung des Staatswesens.
Die katholische Kirche, obwohl eine Minderheit in Nigeria, gilt als wichtiges Sprachrohr der Zivilgesellschaft und genießt in weiten Teilen der Bevölkerung hohes Ansehen, unter anderem, weil sie während der Militärdiktatur Menschenrechtsverletzungen, Ungerechtigkeiten und Gewalt unerschrocken angeklagt hat. Auch in Fragen der Demokratisierung des Landes hat die Bischofskonferenz Fehlentwicklungen immer wieder kritisiert und sich für die Förderung der Demokratie eingesetzt. In einem jüngst veröffentlichten Statement verurteilt sie die brutale Gewalt der Boko-Haram-Bewegung, macht jedoch das Versagen des Staates für den Konflikt mitverantwortlich.
Zugleich ist die katholische Kirche auf unterschiedlichen Ebenen bemüht, durch Dialog und den Aufbau freundschaftlicher Beziehungen zu islamischen Religionsführern einen wichtigen Beitrag zu Frieden und Versöhnung zu leisten. Als 1999 Obasanjo die Herrschaft übernahm, wurde auf nationaler Ebene der Interreligiöse Rat Nigerias (NIREC) mit Unterstützung der Regierung errichtet. Je 25 hochrangige muslimische und christliche Religionsführer gehören diesem Gremium an. Der Sultan von Sokoto, Alhaji Mohammad Abubakar, geistliches Oberhaupt der nigerianischen Muslime (Sunniten) und der katholische Erzbischof von Abuja, John Onaiyekan, der zugleich Präsident der Christian Association of Nigeria (CAN) ist, leiten dieses Gremium.
Viermal im Jahr trifft sich der interreligiöse Rat, um gemeinsam die Verständigung zwischen den großen Religionsgemeinschaften des Landes zu fördern, gemeinsam bei Konflikten zwischen den Religionsgemeinschaften zur Deeskalation beizutragen, letztlich Konflikte zu verhindern und damit einen wichtigen Beitrag zur Errichtung einer gerechteren und friedvollen Gesellschaft zu leisten. In einem gemeinsamen Statement des Sultans von Sokoto und des katholischen Erzbischofs von Abuja wird die brutale Gewalt der Mitglieder von Boko Haram aufs Schärfste verurteilt. Zugleich betonen beide Religionsführer, dass jeglicher Versuch, das Land entlang religiöser Grenzen zu spalten, zu verurteilen und in keinster Weise mit dem Islam und dem Christentum zu vereinbaren sei. Alle religiösen Führer des Landes werden aufgerufen, sich jeglichen Gruppierungen entgegenzustellen, die im Namen von Religion Gewalt und Spaltung predigen.
Viermal im Jahr trifft sich der interreligiöse Rat
Der Einfluss dieses Gremiums ist trotz der immer wieder aufflammenden Gewalt im Namen von Religion nicht zu unterschätzen. Gemeinsam setzen sich die Mitglieder für die Verbesserung der Situation der Bevölkerung ein, sei es im Bereich des Gesundheitswesens, der Schulbildung oder der Bekämpfung der Armut. Als anerkanntes Gremium auf nationaler Ebene führt es Gespräche mit Regierungsvertretern sowohl auf Bundes- als auch auf Landesebene, um Lösungsstrategien in konfliktiven Fragen zu fördern.
Als beispielhaft ist in diesem Zusammenhang die gemeinsame Friedensinitiative des Emir von Wase, Alhaji Haruna Abdullahi, und des Erzbischofs von Jos, Ignatius Kaigama, anzusehen. Für Erzbischof Kaigama sind es wirtschaftliche und soziale Gründe, die für Krisen und Konflikte verantwortlich sind: „Die Religion wird missbraucht, um politische oder persönliche Interessen durchzusetzen. Wer egoistische Interessen durchsetzen will, sät Hass zwischen Christen und Muslimen. Deshalb kommt es wiederholt zu Ausschreitungen.“ Gemeinsam mit dem Emir von Wase setzt er sich gegen Gewalt ein. Nach Ansicht des Emirs gilt es, Krisen frühzeitig zu erkennen. „Wenn der katholische und der islamische Führer gemeinsam vor die Menschen treten, beruhigt das die Situation.“
Heute gebe es in vielen Regionen Komitees, in denen so Vertreter der Religionen, der Volksgruppen und der Politik Konflikte vor Ort lösen. Es sei seine gemeinsame Vision mit Erzbischof Kaigama, dass die Menschen aus ihrem Glauben heraus für den Fortschritt in der Gesellschaft eintreten.
Das internationale katholische Missionswerk missio hat im Rahmen seiner Kampagne zum Monat der Weltmission, die in 2009 unter dem Titel „Selig, die Frieden stiften“ stand, beispielhaft das Engagement der Kirche Nigerias für Frieden und Versöhnung in den Mittelpunkt gestellt. Diese beispielhaften Initiativen gilt es zu fördern und zu unterstützen, um dem Pulverfass Nigeria die Sprengkraft zu entziehen.
In den letzten Wochen haben Sicherheitskräfte in Nigeria begonnen, die Aktivitäten islamistischer Gruppierungen verstärkt in den Blick zu nehmen. Aufgeschreckt durch die Gewalt der Boko-Haram-Bewegung haben Sicherheitskräfte das Hauptquartier von Darul Islam durchsucht, 300 aus dem Niger stammende Mitglieder festgenommen und außer Landes gebracht. Um diesen Bewegungen den Boden zu entziehen, ist jedoch mehr notwendigals nur eine verstärkte Aktivität der Sicherheitskräfte. Solange erdrückende Armut im Land herrscht, massive Korruption und ein System der Straflosigkeit für die Eliten fortbestehen, finden islamistische Bewegungen auch weiterhin einen fruchtbaren Boden für ihre Agitation.
Norbert Kößmeier
Quelle: Herder Korrespondenz 63, 11/2009, S. 583 ff.
Mit Gott im Herzen geht man auch nach einer Niederlage als Sieger vom Platz.