Ihre Augen glänzen fiebrig, und auf ihren dünnen gebräunten Armen zeichnen sich Narben ab. Bimala Ghimire ist 27 Jahre alt und hat davon drei in einem Bordell in Indien verbracht. In welcher Stadt sie war, weiß sie nicht. Damals, als sie in das Nachbarland kam, konnte sie weder lesen noch schreiben. Sie war zwölf Jahre alt, wurde verschleppt und verkauft.
Inhalt
verschleppt und verkauft
Eine Reportage von Elisabeth Tyroller (Text) und Fritz Stark (Bild)
Von professionellen Schleppern nach Indien verkauft
Bimala sitzt in dem kleinen Raum, in dem sie im Nähen unterrichtet wird. Um sie herum summen die alten Singer-Maschinen. Eine Spende aus Deutschland. Bimala stammt aus einem kleinen Bergdorf in Nepal. Wo das genau liegt, weiß sie nicht. Bis zu dem Tag, als ihr altes Leben jäh endete, wuchs sie mit sechs Schwestern auf, half den Eltern auf dem Feld, holte Wasser und schaute nach den jüngeren Geschwistern. Eine Schule besuchte sie nie. Das wollten ihre Eltern nicht. Ihre Tochter auf die Schule zu schicken, schien ihnen eine sinnlose Investition zu sein. In Dörfern wie dem, wo Bimala aufwuchs, heiraten die Mädchen früh und gehören dann einer anderen Familie an.
Ein Versprechen auf ein besseres Leben
Heute lebt Bimala in dem von indischen Schwestern gegründeten „Haus des Mitgefühls“ in der nepalesischen Hauptstadt Kathmandu. Mit leiser Stimme erzählt sie ihre Geschichte. „Als ich zwölf Jahre alt war, sagte meine Nachbarin immer wieder zu mir, dass ich nie eine Arbeit finden würde, weil ich ja nicht zur Schule ginge. Aber sie könne mir trotzdem helfen, Geld zu verdienen.“ Immer wieder sprach sie von der Arbeit in einer Fabrik. „Ich war neugierig und wollte etwas erleben“, sagt sie. „Ich habe ihr vertraut – schließlich war sie meine Nachbarin.“ Diese lockte das Mädchen immer wieder – bis Bimala ein paar Kleidungsstücke in eine Plastiktüte packte und mit ihr fortging.
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Stricken als Therapie: Bei den Schwestern versuchen die Frauen mit einfachen Tätigkeiten weider zu sich selbst zu finden. -
Das "Haus des Mitgefühls" nimmt die Hilfesuchenden auf. -
Ob kochen, gärtnern oder sich um die Kinder kümmern - feste Aufgaben helfen zurück ins Leben. -
Ob kochen, gärtnern oder sich um die Kinder kümmern - feste Aufgaben helfen zurück ins Leben.
„Ich wusste damals gar nicht, was Sex bedeutet.“
Bimala nestelt an ihrem leuchtend gelben Sari. Es fällt ihr schwer, über ihre Odyssee zu reden. „Wir sind dann einige Tage mit dem Zug gereist. Bis wir in eine Stadt kamen. Damals wusste ich nicht, dass wir in Indien sind. Ich konnte ja keine Schilder lesen.“ Als sie Mumbai erreichten, übergab die Nachbarin sie einem Bekannten. Er sollte Bimala in die Unterkunft bringen. Später würde sie, die Nachbarin, nachkommen. „Der Fahrer brachte mich zu einem Haus. Dort sah ich viele Mädchen sitzen und ich glaubte, dass wir für die Fabrikarbeit ausgebildet werden“, erzählt Bimala. „Ich bekam ein eigenes Zimmer und die ersten Tage behandelten sie mich sehr gut. Dann sagte mir der Besitzer, dass ich hier bin, um Sex zu haben. Aber ich wusste damals gar nicht, was Sex bedeutet. Und als er mir es erklärte, habe ich geweint und mich geweigert. Aber er war stärker.“
Länderinfo Nepal
Die Große Not der Landbevölkerung begünstigt den Handel mit Mädchen
Die Narben der Misshandlung heilen nie
Von dieser Verweigerung trägt Bimala heute noch Narben davon. Und von ihrer dreijährigen Zeit im Bordell auch. Ihre Augen sind gerötet, ihr dünner Körper ist völlig geschwächt. Sie hat Aids und Tuberkulose – und vermutlich nicht mehr lange zu leben. „Sie haben mir Betäubungsmittel gegeben. Oftmals habe ich gar nicht mitbekommen, wenn ein neuer Kunde kam“, sagt sie. Tränen stehen in ihren Augen.
Mit Gott im Herzen geht man auch nach einer Niederlage als Sieger vom Platz.