Um fünf Uhr in der Früh liegt die Dunkelheit der afrikanischen Nacht über dem ovalen Platz des „Palais de Peuple”, dem „Palast des Volkes”, in Conakry. Zwischen einer unwirklichen Kulisse aus Kirmesbuden schleicht die schmächtige Gestalt des „Marabolé Bãba” umher. Er ist auf der Suche nach Kindern. Zerlumpt, zusammengekauert und noch tief versunken in ihre Träume, liegen die drei Ahnungslosen auf der alten Pappe an der Litfaßsäule. Er berührt sie und spricht sie leise an. „La pêche des enfants“, nennt er das – das „Kinderfischen“.
Inhalt
Die Nacht des Kinderfischers
Eine Reportage von Claudia Haus mit Fotos von Fritz Stark
Zerschlagene Illusionen nach 50 Jahren Unabhängigkeit
Im Jahr 2008 feierte die Republik Guinea 50 Jahre Unabhängigkeit mit einem Jahrmarkt vor dem Volkspalast in der Hauptstadt Conakry. Das Monument der Freiheit ragt in den Himmel. Auf seinem Sockel steht ein Soldat, neben ihm eine Frau. Sie streckt ihren Arm in den Nachthimmel.
Am Fuß des Monuments sitzt ein Wachmann mit verschränkten Armen, das Kinn auf der Brust. Neben ihm ein altes Radio – die Batterien fast leer – die Musik, ein unsichtbarer Faden in der Dunkelheit. Der Wind wirbelt Staub und herumliegende Zeitungen auf. Inmitten der schwarzen Schatten aus Kirmesbuden steht ein blasses Karussell.
Längst sind die Illusionen zerschlagen, und der Freude über die Unabhängigkeit ist Ernüchterung gewichen. Der letzte Diktator Lansana Conté starb im selben Jubiläumsjahr. Er hinterließ ein ausgebeutetes Land mit perspektivlosen und traumatisierten Menschen. 50 Jahre nach dem Abzug der Kolonialmacht Frankreich aus Guinea leben heute Armut und Elend auf Conakrys Straßen und am härtesten trifft es die Kinder.
Fotostrecke
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Für die Nacht suchen Kinder Zuflucht in alten Kisten -
Pater Stefan Stirnemann lädt die Kinder ins Foyer ein -
Auf der Straße spricht der Pater mit seinen ehemaligen Schützlingen -
Auf dem Platz vor dem Volkspalast schlafen die Kinder auf alter Pappe. -
Pater Stefan Stirnemann, 66: "Echte Straßenkinder haben Wunden an den Füßen."
Sie verstecken sich unter Fischernetzen und in Booten
Inzwischen sind die drei Jungen an der Litfaßsäule aufgewacht. Leise wechselt der „Marabolé Bãba” ein paar Worte mit ihnen. Er erzählt von einem Bett und einer warmen Mahlzeit – für die Kinder eine verlockende Vorstellung. Mit verschlafenen Augen lauschen sie seinen Worten. Er lädt sie ins Foyer St. Josef ein. Dann zieht er eine zerknüllte Tüte aus der Hosentasche und gibt jedem 2000 Guineische Franc, umgerechnet etwa 30 Cent. Geld für den Bus.
Pater Stefan Stirnemann, der „Marabolé Bãba”, der „Vater der Straßenkinder”, arbeitet seit 16 Jahren im Chaos der einst so stolzen Stadt Conakry. „Echte Straßenkinder liegen in den frühen Morgenstunden auf den Marktständen und schlafen. So kann man sie finden. Tagsüber verstecken sie sich”, sagt der Pater.
Einmal in der Woche „fischt“ Stefan Stirnemann Straßenkinder aus dem Sumpf der Großstadt. Dann beginn er seine Route am „Palais de Peuple” und durchquert die Stadt bis zu den Fischerhäfen „Teminita” und „Boulbinet”. Die Slums von Conakry dehnen sich dort bis auf das hinaus Wasser aus. Bei Flut steht die ölige und nach Fäkalien stinkende Brühe auf den Holzstegen. Die Kinder schlafen unter Fischernetzen und Plastikplanen, in Holzkisten oder im Schutz eines umgestülpten Bootes.
Wie viele Kinder in Conakry mit seinen knapp 1,5 Millionen Einwohnern auf der Straße leben, weiß auch Stefan Stirnemann nicht, doch die Straßenkinder – das sei seine Lebensaufgabe, seine Bestimmung, sagt er. „70 Prozent der Kinder sind Scheidungskinder, die von dem neuen Lebenspartner nicht akzeptiert werden. Sie laufen weg, geraten auf die schiefe Bahn und werden dann verjagt”, sagt er.
Das zweistöckige Verwaltungszentrum, das Foyer St. Josef, befindet sich im Stadtteil Kountia, etwa 45 Autominuten vom Zentrum Conakrys entfernt. Der Regen hat die Straße zum Eingang zerstört. Schlaglöcher und Felsen machen sie unbefahrbar. Dicht an dicht stehen niedrige Holzhütten neben verwaisten Baustellen halbfertiger Häuser mit Torbogen und verzierten Fensterrahmen – Zeugnisse längst versiegten Wohlstands. Stattdessen sind unkontrolliert schmale Bretterbuden und verwinkelte Gassen entstanden. Wasserversorgung und ein zuverlässiges Stromnetz gibt es nicht. Wie jedes größere Haus ist auch das Foyer St. Josef von hohen Mauern und einem eisernem Tor geschützt. Im Haus des Paters befinden sich, neben seinem Privatraum, auch zwei Klassenzimmer, eine kleine Apotheke, eine Arztpraxis und die Büros seiner Verwaltungsangestellten.
Länderinfo Guinea
Obwohl Guinea einiges zu bieten hat, leidet die Bevölkerung unter Armut
Täglich kommen Straßenkinder an
Heute warten sieben Neue auf den Pater. Stefan Stirnemann spricht mit jedem einzelnen: wie sie heißen und wer ihre Eltern sind. „Wenn die Kinder ankommen, müssen wir erst einmal herausfinden, wo sie her kommen. Manchmal sammeln Leute Kinder aus der Nachbarschaft ein und bringen zu uns. Dann verlangen sie das angebliche Busgeld, dass sie für die Kinder gezahlt haben.”
Hexerei und Aberglaube – doch eigentlich geht es ums Geld
Auch diese sieben hat ein Mann gebracht. „Ich frage die Kinder, was ihre Mutter gestern gekocht hat, ob sie zu Hause in einem Bett oder auf dem Boden schlafen. Echte Straßenkinder haben Wunden an den Füßen.” Und dann sitzen sie mit gesenktem Kopf vor Stefan Stirnemann und starren zu Boden.
Souleymane Kaba hat innerhalb kurzer Zeit beide Eltern verloren. „Die Leute aus meinem Dorf haben gesagt, dass es Hexerei ist. Dann bin ich nach Conakry zu meinem Onkel gegangen”, sagt der 14-jährige. Doch den hat der Junge dort nicht ausfindig machen können. „Seit vier Monaten lebe ich auf der Straße.”
Abdullaye Camara, versteckt sich in einer viel zu großen Jacke. Er hat 2500 Guineische Francs verloren, etwa 40 Cent, und ist aus Angst vor Schlägen nicht mehr nach Hause gegangen. Auf die Frage nach seinem Alter antwortet er: er weiß nur, dass er geboren ist. „Der erstgeborene Junge in einer Familie ist der Alleinerbe. Wechselt ein Elternteil den Partner, gibt es zwei Erstgeborene und einer muss gehen”, erklärt der Pater.
Die St. Josefs Heime
Das soziale Netz der St. Josefs Heime von Pater Stefan Stirnemann durchzieht die Region bis ins 300 Kilometer entfernte Labé. In Conakry gehören sechs Heime für Straßenkinder und zwei Kranken- und Rehabilitätionszentren, das Foyer St. Jeanne Jugan und das Foyer St. Jean de Dieu, dazu. Im Stadtteil Kountia befindet sich das Verwaltungszentrum, das Foyer St. Josef, und die Heime St. Pierre, St. Dominique und St. Jean Bosco. In den Stadtteilen Enta und Simbaya führt Stirnemann die Heime St. Therese, St. Konrad und Daniel Brottier. 40 Mädchen finden in St. Claudine im 50 Kilometer entfernten Coyah Obdach. St. Matthieu befindet sich in Labé. Insgesamt leben in den St. Josefs Heimen 370 Kinder im Alter zwischen 5 und 16 Jahren.
Freundliche Worte sind wie Wabenhonig, süß für den Gaumen, heilsam für den Leib.