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Reportage

Rebellion in Rosa

Text Christian Selbherr, Fotos Jörg Böthling

Gulabi Gang - Rebellion in Rosa
© missio / Jörg Böthling „Lang lebe die Gulabi Gang“: Angeführt von Sampat Pal Devi (rechts) ziehen die rosa gekleideten Frauen durch die Kleinstadt Mahoba.

Irgendwann wollten sich diese indischen Frauen einfach nicht mehr demütigen lassen. Sie schlossen sich zusammen, und als „Gulabi Gang“ fordern sie nun lautstark ihre Rechte ein – wenn es sein muss, mit Gewalt. Dann setzt es Prügel für gewalttätige Ehemänner und korrupte Regierungsbeamte.

Der etwa dreizehn Jahre alte Junge hat sofort erkannt, wer da durch die Straßen seiner indischen Heimatstadt Mahoba marschiert: „Das ist die Gulabi Gang,“ sagt er. „Und mit ihren Stöcken verprügeln sie die Männer.“

In seiner Stimme liegt eine gewisse jugendliche Bewunderung. Aber auch eine gehörige Portion Respekt. Dabei sind es alles andere als finstere Gestalten, die den jungen Mann so beeindrucken. In leuchtend rosa Sari-Gewändern gekleidet, ziehen diese Frauen durch die Stadt. Ihr Ziel: das Büro der Bezirksverwaltung. „Denn dort liegen die Probleme,“ sagt die Anführerin der Gruppe. Sampat Pal Devi heißt sie, und sie hat die „Gulabi Gang“ – übersetzt: „die rosafarbene Bande“ – im Jahr 2006 gegründet. „Seitdem kämpfen wir gegen gewalttätige Ehemänner und korrupte Beamte.“ Und wenn es eben sein muss, wenden die Frauen dabei selbst Gewalt an. Deshalb tragen sie ihre lathis mit sich, jene langen Bambusstöcke, mit denen sonst Hirten ihre Kühe und Ziegen vor sich her treiben.

Schläge für korrupte Polizisten

Ein ums andere Mal haben diese Stöcke der Gulabi Gang schon zu ihrem Recht verholfen. Da war zum Beispiel diese große Lieferung Reis, die eigentlich für die Ärmsten der Armen bestimmt war. Die Regierung hatte Lebensmittelkarten ausgeteilt, und dafür sollte es den Reis geben. Nur kam davon nichts bei den Bedürftigen an. „Alles schon weg,“ meinten die zuständigen Beamten nur.

Doch die Frauen um Sampat Pal fanden heraus, dass die Regierungsleute den Reis heimlich schon auf dem Schwarzmarkt verscherbelt hatten. Als die Polizei nur wenig Interesse zeigte, diesem Vorwurf nachzugehen, platzte den Gulabi-Frauen der Kragen. Gemeinsam zogen sie los – und verwüsteten die Polizeistation.

Gegen bestechliche Beamte und gewalttätige Ehemänner

Dabei wehrt sich Sampat Pal heftig dagegen, wenn sie als aufrührerische Banditin hingestellt wird. „Wir kämpfen doch nur für Gerechtigkeit,“ sagt sie dann. Unrecht hat sie selbst oft genug erfahren. Als Tochter eines Ziegenhirten wurde sie mit erst zwölf Jahren verheiratet, das erste Kind kam, als sie 15 war. Immer öfter lehnte sie sich auf – gegen die Brahmanenpriester aus der obersten Kaste, die sie schikanierten, und die Schwiegereltern, die sie unterdrückten. Schließlich wurde sie fortgejagt aus dem Dorf ihres Mannes. Doch sie hatte Glück – ihr Mann ging mit ihr, gemeinsam schlugen sie sich irgendwie durch. Sampat Pal arbeitete als Näherin, dann traf sie auf Mitarbeiter einer lokalen Hilfsorganisation und schloss sich ihnen an. Doch auf Dauer war ihr der Erfolg zu gering, sie wollte mehr erreichen.

Sampat Pal Devi mit der Gulabi Gang
© missio / Jörg Böthling

Sampat Devi, 49

Die Anführerin der Gulabi Gang wurde 1960 im indischen Bundesstaat Uttar Pradesh geboren. Ihre Familie gehört zur Kaste der Ziegenhirten. Schon mit zwölf Jahren wurde Sampat Pal an einen Mann verheiratet, den sie nie zuvor gesehen hatte. Mit 15 bringt sie ihre erste Tochter zur Welt. Als sie gegen die Unterdrückung durch ihre Schwiegereltern aufbegehrt, wird sie verstoßen. Sampat Pal arbeitet nun zunächst als Näherin und dann für eine lokale Hilfsorganisation. 2006 gründet sie die Gulabi Gang.

Länderinfo: Indien

In Bundelkhand lebt man in einfachsten Verhältnissen von der Landwirtschaft, oft in Abhängigkeit von einem Großgrundbesitzer

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Die Menschen leiden seit Jahren unter anhaltender Dürre

Tatsächlich scheinen die Probleme schier übermenschlich groß in diesem Teil von Uttar Pradesh, der auch Bundelkhand genannt wird. Seit bald zehn Jahren lässt die anhaltende Dürre Hirse und Weizen auf den Feldern verdorren. „Wenn wir nur endlich mehr Wasser hätten“, klagen die Menschen in den Dörfern.

Arbeiten würden sie sofort, aber die wenigsten besitzen überhaupt eigenes Land. Seit Jahrhunderten hält sich hier ein Feudalsystem, das diejenigen bevorzugt, die zufällig in eine hohe Kaste hineingeboren worden sind. Eine Frau namens Ladku aus einem Dorf, in dem die unteren Kasten und Dalits („Kastenlose“) leben, sagt: „Die Landbesitzer geben uns Arbeit, wenn wir bei der Ernte helfen sollen. Den Männern zahlen sie 100 Rupien am Tag. Wir Frauen bekommen nur 60 Rupien. Dabei arbeiten wir sogar mehr als die Männer!“

Indische Televisionen

„Was denken Sie über Indien und wie ist Ihre Meinung über die Rolle der Frauen in Indien?“ Ravindra, ein Reporter vom Fernsehsender N3News hält mir erbarmungslos sein Mikrofon unter die Nase.

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Eine Frau vergewaltigt und sich dann einfach freigekauft

Hundert Tage bezahlte Arbeit im Jahr will die Zentralregierung in Delhi der verarmten Landbevölkerung garantieren. Doch die Umsetzung scheitert an den gewählten Dorfvorstehern aus oberen Kasten. „Sie geben uns doch nur dann etwas, wenn sie unsere Wählerstimmen wollen,“ sagt Ladku. Im Arm hält sie einen kleinen Jungen, wohl ein Jahr alt. „Mein Sohn,“ sagt sie lächelnd. Dabei ist Ladku schon 50. „In diesen Dörfern kann eben alles passieren,“ sagen die Leute. Jeder kennt hier Geschichten von Frauen, die Opfer von Missbrauch und Vergewaltigung wurden. Manchmal kommen die Täter aus der eigenen Familie, oft aber sind sie Mitglieder der höheren Kasten, und mit ein bisschen Geld können sie nach der Tat auch dafür sorgen, dass der zuständige Polizeimeister die Anzeige des Opfers im Papierkorb verschwinden lässt.

Viele Frauen versuchen ihr Glück zumindest zeitweise woanders. Ladkus Nachbarin Bathi erzählt, wie sie sich von dubiosen Arbeitsvermittlern anwerben ließ und in Städten landete, die sie kaum vom Namen kannte. In Delhi und Mumbai musste sie auf Baustellen schuften, damit die Hochhäuser und Einkaufspaläste des neuen, reichen Indien schnell fertig werden. Nachts campierten sie in löchrigen Zelten, irgendwo unter dem Baugerüst, bis sie mit ein paar Rupien in der Tasche wieder zurück nach Bundelkhand geschickt wurden.

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Zusatzinformationen

"...anspruchsvolle, vor Ort recherchierte und von renommierten Fotografen bebilderte Reportagen vorwiegend aus der Dritten Welt, wie sie sonst allenfalls Geo oder Stern veröffentlichen."

Stefan Bottler, "W&V Werben & Verkaufen", 11. Februar 2010

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