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Hoffnungsfaktor Fussball

Die Natur hat es zweifellos gut gemeint mit Südafrika: In den Weiten seiner sonnenverbrannten Savanne und an den Stränden seiner 3000 Kilometer langen Küste hat eine im Freien lebende Nation eine Sportbegeisterung entwickelt, die weltweit ihresgleichen sucht.

Hoffnungsfaktor Fussball
© missio / Fritz Stark

Es wäre jedenfalls eine heftige Untertreibung zu behaupten, die Südafrikaner liebten den Sport. Denn die Faszination, die sich vom Rugby über Cricket bis zum Fußball erstreckt, trägt am Kap bisweilen religiöse Züge.

Entsprechend groß war hier der Freudentaumel als Fifa-Präsident Sepp Blatter am 15. Mai letzten Jahres das Land zum Ausrichter der Fußball-Weltmeisterschaft 2010 erklärte. Auf vielen Plätzen der Kaprepublik ging die Bekanntgabe des Siegers damals in einem ohrenbetäubenden Jubelsturm unter, weil viele schon beim Herausnehmen des Kärtchens aus dem weißen Kuvert die Worte „South Africa“ erkannt hatten. Das ganze Land, schwarz wie weiß, überkam in jenem Moment ein lange nicht mehr verspürtes Gefühl der Zusammengehörigkeit und Eintracht.

Inmitten der grenzenlosen Begeisterung war Ex-Präsident Nelson Mandela wie so oft der Einzige, der die Ruhe bewahrte und zunächst der afrikanischen Konkurrenz aus Marokko kondolierte. Viel werden die tröstlichen Worte kaum bewirkt haben: Angesichts des von der Fifa neu eingeführten Rotationsprinzips wird Afrika frühestens 2034 wieder mit der Ausrichtung einer Fußball-WM an der Reihe sein. Vier Jahre zuvor war die Kaprepublik selbst in letzter Minute auf der Zielgeraden von Deutschland abgefangen worden – und die Nation am Kap anschließend in eine nationale Depression verfallen. Auch in den Firmenetagen am Kap löste der Sieg naturgemäß Freude aus. „Die Ausrichtung des Weltcups könnte der Wirtschaft viel Rückenwind geben“, lautete unisono der Tenor. Einige Volkswirte rechnen bereits mit der Schaffung von mindestens 150 000 neuen Jobs, die das Land angesichts seiner erschreckend hohen Arbeitslosigkeit von rund 30 Prozent auch dringend braucht. Andere sprechen von Investitionszuflüssen in Milliardenhöhe. Tourismusexperten haben bereits Direkteinnahmen in Höhe von 21,5 Milliarden Rand (2,7 Mrd. Euro) veranschlagt. Angesichts der vergleichsweise geringen Größe der südafrikanischen Wirtschaft, die in einer Liga mit Mexiko, Spanien oder Norwegen spielt, seien die möglichen ökonomischen Impulse nicht zu unterschätzen, heißt es.

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© missio / Fritz Stark

Dass jedoch allein der Fußball Südafrika die dringend benötigten wirtschaftlichen Impulse verleihen kann, um die tiefe Kluft zwischen Arm und Reich zu verringern, ist fraglich. Die Wachstumsrate von rund drei Prozent müsste sich dazu auf sechs Prozent verdoppeln – das schafft selbst König Fußball nicht. Auch hat kaum eine Studie bislang einen direkten langfristigen Nutzen sportlicher Großereignisse nachweisen können. Im Gegenteil: In Afrika haben viele Prestigeprojekte die Wirtschaftsentwicklung eher gebremst, weil die Kärrnerarbeit auf den unteren Ebenen der Wirtschaft darüber vernachlässigt wurde.

Der größte Nutzen dürfte denn auch eher psychologisch sein. Steven Friedman vom Johannesburger Zentrum für Policy Studies spricht von einem „Feel-Good“-Faktor für die Nation. Und selbst jene Akademiker , die sonst gerne die Nase über den Sport als Versöhnungsfaktor rümpfen, sehen in ihm inzwischen ein „gesellschaftlich relevantes Phänomen“.

Kaum jemand bezweifelt, dass der Fußball in einer Gesellschaft mit einer solch hohen Verbrechensrate eine wichtige Rolle spielt. Die großen Fuballstars werden in den Townships glühend verehrt und sind vielerorts Vorbilder: Sie drängen die Jugendlichen, in die Schule zu gehen, keine Verbrechen zu begehen und im Schatten der Aids-Epidemie beim Sex vorsichtig zu sein.

Strikte Quoten regeln heute den Proporz von Weiß und Schwarz in den Führungspositionen der Wirtschaft – in den Fußballteams ist es hingegen (noch) die Leistung, die zählt, auch wenn sich die Regierung auch hier neuerdings mit Vorgaben über die rassische Zusammensetzung der Teams einmischt. In den Townships selbst bilden die Schulen noch immer die Anlaufpunkte und Talentschuppen für die Kinder von der Straße. Wer sonst nur Lumpen trägt, für den ist ein Trikot ein echtes Prestigeprojekt.

Noch jedoch fehlt es an allen Ecken und Enden an Organisation: Ohne Auto und Geld mangelt es an Ausrüstung und Mobilität. Ein Vereinsleben europäischer Prägung gibt es nicht. Endlose Palaver auf Club- und Verbandsebene drehen sich um immer neue Organisationsformen, ohne dass irgendetwas vorankäme. Symptomatisch dafür ist auch die Safa, die South African Football Association. Der Fußballverband des Landes ist etwa so straff organisiert wie ein Hühnerhaufen und wird permanent von neuen Skandalen erschüttert. Dass Deutschland die südafrikanische WM-Bewerbung trotzdem derart engagiert unterstützte, hat neben einer emotionalen wohl auch wirtschaftliche Gründe: Immerhin winken der deutschen Industrie in der Kaprepublik mit ihren 45 Millionen Menschen weitaus größere Absatzchancen als dies in Ägypten oder Marokko de Fall gewesen wäre, wo vor allem die französische Bauindustrie stark profitiert hätte.

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© missio / Fritz Stark

Fraglich bleibt jedoch, ob Südafrika angesichts seiner erschreckend hohen Kriminalität, die zurzeit nur noch von Bürgerkriegsländern übertroffen wird, die Sicherheit dervielen Gäste garantieren kann. Ebenso fraglich ist, ob das Land vor dem Hintergrund seiner isolierten Lage am Südzipfel von Afrika in der Lage sein wird, die Stadien zu füllen. teure Logenplätze sollen die Eintrittskarten für die Armen subventionieren und für diese erschwinglich machen. Problematisch ist aber auch, dass sich die Mehrheit der Schwarzen bei aller Sportbegeisterung nur für eine Hand voll Teams interessiert; Bafana Bafana, also die eigenen Jungs, Brasilien, England, Italien und vielleicht noch zwei afrikanische Mannschaften wie Kamerun und Nigeria. Die 1996 am Kap ausgetragene Afrika-Meisterschaft gibt jedenfalls Anlass zur Sorge: Viele Spiele wurden damals nur von ein paar Tausend Zuschauern besucht; allzu oft waren es Geisterpartien vor leeren Rängen.

Schließlich wundern sich dieser Tage die Freunde des Landes über das fortgesetzte Anspruchsdenken. Statt endlich die Ärmel aufzukrempeln, glauben viele der einst Benachteiligten auch über ein Jahrzehnt nach dem Ende der Apartheid, die Welt schulde ihnen geradezu ein sportliches Großereignis wie eine Fußball-WM – und mehr. Die Tatsache, dass die Kaprepublik bis zur erfolgreichen Bewerbung im letzten Jahr „nur“ Ausrichter von vermeintlich „weißten“ Events wie dem Rugby-Weltcup und der Cricket-WM war, hatte unter vielen schwarzen Fußballfans bereits spürbare Ressentiments gegenüber der Fifa und Europa geschürt. Matshelane Mamabolo, ein schwarzer Sportkommentator, spricht ganz offen darüber: „Viele Schwarze waren bis zu unserer Wahl zum Ausrichter der WM 2010 davon überzeugt, dass die Weißen nicht nur die Weltwirtschaft, sondern auch den Fußball kontrollieren und Schwarze allenfalls als Statisten dulden würden.“ Mit dem WM-Zuschlag für das Land am Kap ist zumindest diese Kluft zwischen Schwarz und Weiß erfolgreich geschlossen worden.“

Reportage von Wolfgang Drechsler, aus dem Länderheft Südafrika – Der lange Weg zum Regenbogen, Evangelisches Missionswerk in Deutschland (Hrsg.), Hamburg 2005, S. 114 - 117


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